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BEmerkungen zu der DVD "Der Jahrhundertirrtum Vorwärts-Abwärts"

BEmerkungen zu der DVD "Der Jahrhundertirrtum Vorwärts-Abwärts"

Zu der DVD "Der Jahrhundertirrtum Vorwärts-Abwärts"

Die DVD bespricht, so wie ich es dargestellt wird, Pferde, die unrichtig gearbeitet wurden. Die Oliveira Stables betonen immer wieder, dass sie Pferde aus dem FN/Hdv.12 Umfeld zur Rekonvaleszenz bekommen. Alles, was auf der DVD beschrieben wurde, sind Pferde, die gerade wenig nach H.dV 12/FN ausgebildet wurden.

Bei ca 3:00 spricht Frau Dr. Schock über die Kraft auf das Kiefergelenk. Das ist an sich schon wichtig, aber nur, wenn das Pferd ohne Reithalfter geritten wird. Das Reithalfter dient nämlich genau dazu, diese Kraft abzufangen. Hätte sie die Kraft beschrieben, die dann auf Genick und/oder Halswirbelsäule wirkt, so wäre der Hinweis auf eine deutliche Krafteinwirkung passender gewesen.
Generell möchte man aber bei einem korrekt gerittenen Pferd diese Krafteinwirkung vermeiden.

Die röngologischen sichtbaren Veränderungen am Kiefergelenk an sich sagen wenig über die Ursache aus. Hier fehlt die Statistik, wie die Pferde gezäumt wurden, unter anderem mit oder ohne Reithalfter. Generell gesagt sind Veränderungen außer altersbedingter Verschleiß auf Fehler egal welcher Art zurückzuführen. Das ist auch ein weiteres Zeichen, dass hier von unrichtig gerittenen Pferden ausgegangen wird.

Frau Dr. Schock geht scheinbar davon aus, dass Pferde vor dem Reiten generell verspannt sind. Bei einer guten Haltungsform und korrekter Ausbildung müsste man aber davon ausgehen, dass Pferde beim Aufsitzen losgelassen und arbeitsbereit sind. Das deckt sich auch mehr mit meinen Erfahrungen.

Geht man also davon aus, dass Frau Dr. Schock wirklich Pferde beschreibt, die vor dem Reiten generell verspannt sind, so fordert Frau Dr. Schock bei ca. 4:20 zu Aufwärtsparaden auf, damit das Pferd zum Schlucken animiert wird. Das Kauen würde dann den Zungenmuskeln und Muskeln im Bereich des Genickes lösen. Die Erklärung, wie weit man das Gebiss nach oben verlagern sollte, um den Schluckreflex auszulösen, fehlt hier leider. Auch vermisst man eine Erklärung, warum beim Pferd der Schluckreflex im vorderen Teil der Zunge (Lage des Gebisses) ausgelöst wird, wo sich in der Literatur nur findet, dass der Schluckreflex durch Berührung des Zungengrundes (Radix linguae) ausgelöst wird. Der Zungengrund beginnt aber frühestens am Ende der Backenzähne und geht bis unter das Gaumensegel (THOMÉ, 2004).

In der H.dV 12/FN Reitlehre lehnt man vorab Manipulationen zum Kauen (z.B Gabe von Zuckerstücken) eher ab, denn dort möchte man das Kauen als Zeichen guten Reitens unbeeinflusst sehen.

4:40 bis ca 7:00
Hier findet sich ein Bereich, der unrichtiges Reiten erklärt, das ist aber eine Themaverfehlung zum Titel der DVD. Es wird von einem Pferd (Dance) mit vergrößertem Schleimbeutel ausgegangen, also mit deutlichen Anzeichen einer unrichtigen Ausbildung. Zusätzlich hat das Pferd noch dazu eine ungünstige Rückenlinie. Damit aber den Irrtum vorwärts abwärts zu erklären, ist unschlüssig, denn die Beschwerden des Pferdes haben mit allergrößter Wahrscheinlichkeit andere Ursachen.

Bei 9:20 wird das VA mit Maulspalte auf Buggelenkshöhe erklärt, das zeigt, dass Frau Dr. Schock von einer Haltung ausgeht, die wenig mit "Vorwärts Abwärts "gemeinsam hat. Vor allem die Bemerkung der Rollkurposition mit der Nase hinter der Senkrechten (Anmerkung: gemeint ist die Stirn Nasen/Linie) ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Frau Dr. Schock von anderen Kopf/Hals Haltungen des Pferdes ausgeht, als diejenigen, die mit "Vorwärts Abwärts" und/oder „Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ (siehe Paul Stecken) gemeint sind.

Bei 10:20 Durch das „nach vorne ziehen“ durch das Nackenband wird das Pferd von der Lendenwirbelsäule bis über das Kreuzbein in eine Streckstellung gehen.
-Dadurch in eine Streckstellung Kreuzbeinens stehen nach hinten → wird Kreuzbein angehoben.

Hier erklärt Frau Dr. Schock, das verlangt wird, dass Pferde weit nach vorne treten. Das würde es mit einem sehr geraden, nicht gewinkelten Hinterbein durchführen. Es ist das Gegenteil der Hankenbeugung. Ja richtig, denn Versammlung (Hankenbeugung) und VA schließen sich aus, denn Versammlung kommt in einem späteren Ausbildungsstadium. Der Abschluss der Grundausbildung (Remontenstadium) wurde früher damit bezeichnet, dass das Pferd seine vor dem Anreiten natürlichen Gangarten unter dem Reiter wieder zeigen kann. Es war der Beginn der Versammlung.

Was aber hier völlig außer Acht gelassen wird ist, dass Pferde beim VA deutlich abfußen müssen, anstatt nach vorne zu eilen. Um dies zu Verbessern gab es die Kombination von Tritte verlängern und Zügel aus der Hand kauen lassen. Tritte Verlängern ist zu Unterscheiden von Verstärkungen und ist am ehesten mit Ausfallschritten beim Menschen zu vergleichen um Strukturen zum Vorgreifen in Verbindung mit deutlichem Abfußen vorzubereiten.

Bei der Gymnastik eines Sportlers, geht dieser auch erst danach in die Leistungshaltung über.

Frau Dr. Schock geht aber nur auf die aus ihrer Sicht ungünstige „Streckstellung“ der Hinterhand ein, es fehlt aber die weitere Beurteilung eines korrekten „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“.
Zusätzlich haben Untersuchungen (Bachlorarbeit HFWU/Dr. Heuschmann – leider unveröffentlicht) gezeigt, dass sich der Rumpf durch Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle im Durchschnitt um ca. 5 cm im Bereich der Schulter anhebt. Gemessen wurde das mit einem Lasersystem. Dieses Anheben dürfte die „Streckstellung“ sollte sie wirklich so sein, mindestens ausgleichen. Die Richtigkeit der Streckstellung ist von Frau Dr. Schock unbelegt, als reine Aussage auf der DVD zu hören.

Immer wieder kann man erkennen, dass Frau Dr Schock von einem unrichtigen „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ ausgeht, denn richtig geritten, fangen die Pferde ohne Tempoerhöhung vom Kurztreten zum Treten in ein gutes Gangmaß an.

Deshalb ist die weitere Beschreibung, das Auffangen des Schwunges mit der Vordergliedmaße, und am Ende im Pferdemaul sowie die gesamte Erklärung zur Auffassung des Schwunges beim „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ also die Beschreibung einer unrichtigen Reitweise, die wenig mit korrektem „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ zu tun hat.

Der angeführte „Beweis“ der Schädlichkeit des Vorwärts Abwärts“ aufgrund der zugenommen Schäden an Sehnen und Atrosen an den Vorderbeinen dürfte aber mit dem immer weniger durchgeführtem „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ bzw. der Zunahme der Rollkur korrelieren.
Dressurpferde von früher, die mit „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ zur Lösung gearbeitet wurden, hatten Spat. Das ist die Überlastung der Hinterhand durch zu viel korrekter Versammlung …

Auch die Beschreibung der Stauchung (14:20) der Wirbelsäule im Bereich der Schulter hat wenig mit korrektem VA/Zügel aus der Hand kauen lassen zu tun, denn das geht bis zur Schnalle – ohne Hand. Sprich, der Schwung muss nicht aufgefangen werden. Auch mit der geforderten Zügelführung bei der H.dV.12 scheint Frau Dr. Schock wenig vertraut zu sein. Sie spricht von einem festhalten durch eine starre Reiterhand, eine gute Beschreibung für fehlerhafte Zügelführung, die aber wiederum wenig mit „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ zu tun hat.

17:20 Das Pferd geht mit langem gestreckten Hals nach vorne, der Reiter verlagert seinen Schwerpunkt nach vorne – das ist kein korrektes „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“
Sie beschreibt auch die Haltung beim Grasen, aber den Bereich der Kopfhaltung zwischen Maulspalte auf Bugglenkshöhe und Maulspalte am Boden lässt sie komplett aus. Auch den absolut wichtigen Punkt, dass beim korrekten „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ der Hals aus dem Widerrist fallen gelassen werden muss, lässt sie unangesprochen.

Die ersten 20 Minuten der DVD beschreiben aus meiner Sicht eine dem Pferd schädigende Arbeitshaltung, die aber ein korrektes „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ wird unerwähnt gelassen.
Insofern sind die ersten 20 Minute im Großen und Ganzen eine Beschreibung der Fehler, die seit einigen Jahren in die Pferdeausbildung Einzug gehalten haben.

Zum theoretischen Teil von Herrn Vizethum:
Die ersten Minuten klärt uns Herr Vizethum über die Literatur auf, vor allem, dass über „Vorwärts Abwärts“/„Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ nichts zu finden ist. Das ist der Beweis dafür, dass es nie durchgeführt wurde, hat aber in der Recherche oder in der Aufzählung die wenigen Schriftstellen, die genau das belegen, ausgelassen. Danach aber stellt er diverse Behauptungen auf, ohne die Fundstellen zu benennen. Genau diese Vorgehensweise (unbelegte Dinge als gegeben zu nehmen) hat er aber im kurzen ersten Teil abgelehnt.

Im gesamten Vortrag fehlen die Quellenangaben und dieser Teil der DVD bleibt deshalb von mir unkommentiert.

Hierzu die Quellenangaben, die Herr Vizethum bei der Recherche wohl übersehen hat:
Wie wichtig das richtige "Zügel aus der Hand kauen lassen" in der Kavallerie erachtet wurde, lässt sich an zwei Absätzen in dem demnächst erscheinenden Buch: "Die Reitvorschrift der deutschen Kavallerie" darlegen:

„Das richtige Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen bis zur Schnalle und die wichtige Bodenrick-Ausbildung erreichten und verbesserten die Losgelassenheit, besonders des Rücken […].
Bei der erforderlichen Besichtigung der Remonten standen die Bodenrick-Ausbildung, das richtige Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen bis zur Schnalle durch Treiben der gelösten Pferde in Schritt, Trab und Galopp zum Verbessern der Dehnungsbereitschaft als Kriterium für richtige Ausbildung im Vordergrund.“ ([Stecken 2015] S. 4). Über den Ablauf der gefürchteten Remonte-Besichtigung berichtete Stecken: „Wer bei zehn bis zwölf Remonten im Galopp auf zwei Zirkeln die Zügel bis zur Schnalle rauskauen lassen konnte, mindestens zwei bis drei Runden weiter galoppieren ließ, die Pferde bei gleichmäßigem Abständen zum Sitzen und Treiben kommen lassen konnte – die Pferde mit tiefer langer Nase – dessen Besichtigung war ein voller Erfolg.“ ([Börste 1996] S. 94).

Paul Stecken erwähnt das Zügel aus der Hand kauen lassen in seinem Buch „Bemerkungen und Zusammenhänge“.Zusätzlich gibt es die mündlichen Überlieferungen diverser Hippologen und viele Schüler dieser, die dieses wichtige Tool richtig gelernt haben.

Aus meiner Erfahrung:
Wer das Gefühl an dem den Punkt kennt bei, dem Pferde auf dem Weg in die Tiefe z.B im Schritt plötzlich von Passverschiebung in taktreinen Schritt wechseln oder im Trab plötzlich sehr weich sitzen lassen dabei trotzdem das Abfußen verstärken, der kennt das korrektes Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“. Wem dies unbekannt ist, hatte entweder das unwahrscheinliche Glück immer nur auf komplett losgelassenen und gut ausgebildeten Pferden zu sitzen, oder demjenigen ist das korrekte „Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle“ unbekannt.

Zum Schluss:
Wer eine Beschreibung unrichtig nach H.Dv. 12 / FN ausgebildeter Pferde hören und sehen möchte, der mag sich die DVD kaufen. Vergleichbares sieht man aber derzeit auch in jedem Reitstall, leider viel zu oft.

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