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Rangfolge - wichtig bei der Ausbildung?

Warum „Gleichberechtigung“ beim Pferd Stress erzeugt: Die Fakten zur Hierarchie

Wenn die soziale Organisation zwischen Mensch und Pferd geklärt ist, wird Hilfengebung weitgehend unsichtbar. Orientierung, Handlungsrichtung und Kooperation ergeben sich dann aus einer stabilen sozialen Struktur. Je häufiger sichtbare Hilfen erforderlich werden oder je mehr Unstimmigkeiten sichtbar auftreten, desto deutlicher weist dies darauf hin, dass der Mensch in seiner Handlungsweise dem sozialen Referenzsystem des Pferdes widersprochen hat. Diese Beobachtung ist kein Trainingsphänomen, sondern Ausdruck sozialer Inkonsistenz.

  • Führung durch Klarheit: In der Mensch-Pferd-Beziehung muss der Mensch die ranghöchste Position einnehmen. Da wir Raum, Ressourcen und Bewegung kontrollieren, sind wir biologisch in der Pflicht, die Rolle des Sicherheitsgebers zu füllen.
  • Das Paradox der Unsichtbarkeit: Eine perfekte Rangordnung erkennt man daran, dass man sie nicht sieht. Je weniger Hilfen und Korrekturen nötig sind, desto klarer ist das soziale Referenzsystem geklärt. Häufige Diskussionen sind kein Zeichen von Dominanz, sondern von ungeklärten Verhältnissen.
  • Umgang mit Widerstand: Gelegentliche agonistische Aktionen  des Pferdes (stehen bleiben , ignorieren der Hilfen, usw.)  sind keine Katastrophe, solange sie konsequent beantwortet werden. Rang wird nicht durch einen Moment entschieden, sondern durch das langfristige Muster erfolgreicher Interaktionen.

Lest nun, wie sich das wissenschaftlich erklären lässt:

 

In sozialen Gruppen tragen agonistische Verhaltensweisen dazu bei, Rangunterschiede zu klären oder durchzusetzen (z. B. Dominanz zeigen, Grenzen setzen). Affiliative Verhaltensweisen stabilisieren die Gruppe, indem sie Beziehungen stärken, Spannungen abbauen und Akzeptanz signalisieren.
Das Zusammenspiel beider Verhaltensweisen hilft, eine klare und stabile Rangordnung aufrechtzuerhalten, ohne dass es ständig zu offenen Konflikten kommt.

In sozialen Gruppen kommt es zunächst oft zu agonistischen Handlungen, mit denen ausgehandelt wird, wer welche Position einnimmt. Sobald diese Rangordnung geklärt und von den Beteiligten akzeptiert ist, nehmen affiliative Handlungen zu. Sie dienen dann dazu, Beziehungen zu festigen, Kooperation zu ermöglichen und den sozialen Frieden zu sichern.

Wichtig ist:
Agonistisches und affiliatives Verhalten schließen sich nicht aus. Auch in stabilen Rangordnungen kann es erneut zu agonistischen Signalen kommen, etwa wenn Positionen infrage gestellt werden oder sich die Gruppenzusammensetzung ändert.

(Agonistisch = gegeneinander, spannungsvoll, konfliktbetont - Affiliativ = miteinander, verbindend, beziehungsstärkend)

Lest nun, wie sich das wissenschaftlich erklären lässt:

Diese Prinzipien gelten auch für die Beziehung zwischen Mensch und Pferd. Pferde integrieren den Menschen nicht als Sonderfall, sondern als soziales Individuum in ihr bestehendes Rang- und Beziehungssystem. Rang entsteht nicht situativ, sondern aus der Konsistenz vergangener Interaktionen. Ein Mensch, der sich dieser sozialen Einordnung entzieht oder wechselhaft agiert, erzeugt aus Sicht des Pferdes Unklarheit. Rangfreiheit ist daher ethologisch nicht neutral, sondern sozial instabil.

Aus der strukturellen Asymmetrie der Mensch–Pferd-Beziehung ergibt sich zwingend, dass der Mensch die ranghöchste Position einnehmen muss. Der Mensch kontrolliert Raumzugang, Bewegungsrichtung, Ressourcen und Arbeitssituation und übernimmt damit zwangsläufig die Rolle des konfliktregulierenden und sicherheitsrelevanten Individuums. Diese Funktion kann nur dann widerspruchsfrei erfüllt werden, wenn sie mit einer klaren, dauerhaften Rangposition verknüpft ist. Ein untergeordnet oder inkonsistent agierender Mensch zwingt das Pferd zu fortlaufenden sozialen Neubewertungen und erhöht damit das Konfliktpotenzial.

Vor diesem Hintergrund sind auch vereinzelte agonistische Akte gegen ranghöchste Individuen korrekt einzuordnen. In stabilen Hierarchien lassen sich solche Verhaltensweisen selten beobachten. Entscheidend ist nicht ihr Auftreten, sondern ihr Ausgang. Bleiben agonistische Signale unbeantwortet oder werden sie kurz und eindeutig abgewehrt, haben sie keine rangverändernde Wirkung. Rang wird nicht durch Einzelereignisse definiert, sondern durch das langfristig stabile Muster erfolgreicher und erfolgloser Interaktionen. Gerade die Seltenheit solcher Akte bestätigt die Stabilität der Hierarchie.

Die methodische Grundlage, um diese Zusammenhänge valide abzubilden, ist entscheidend. Studien, die Nicht-Linearität betonen, greifen häufig auf statistische Verfahren zurück, die bei unvollständigen Interaktionen oder unter restriktiven Haltungsbedingungen verzerrte Ergebnisse liefern. Der von Hemelrijk entwickelte Average Dominance Index (ADI) korrigiert diese Schwächen, indem er auch unbekannte Beziehungen mathematisch sauber berücksichtigt. Unter Anwendung des ADI zeigen sich in naturnahen, stabilen Haltungsformen nahezu durchgängig eindeutige und langfristig stabile lineare Hierarchien.

 

 

Die ökologische Validität der Datengrundlage ist dabei zentral. Untersuchungen zeigen, dass unter großräumigen Bedingungen agonistische Interaktionen stark zurückgehen und soziale Ordnung überwiegend ritualisiert aufrechterhalten wird. Unter restriktiven Bedingungen mit stark begrenztem Raum steigt die Interaktionsdichte hingegen stark an; hier misst Statistik vor allem soziale Reibung und Anpassungsreaktionen auf Stress, nicht das natürliche soziale Referenzsystem des Pferdes. Nicht-Linearität ist in diesen Fällen kein Ausdruck natürlicher Organisation, sondern ein Symptom ökologischer Einschränkung.

Zusammenfassend ergibt sich eine klare Argumentationslinie: Pferde benötigen eine dauerhafte, lineare Hierarchie, um soziale Beziehungen konfliktarm und sicher zu organisieren. In der Mensch–Pferd-Beziehung muss der Mensch diese Rangposition dauerhaft einnehmen. Vereinzelte, unbeantwortete oder abgewehrte agonistische Akte gegen das ranghöchste Individuum stellen die Rangordnung nicht infrage, sondern bestätigen ihre Stabilität durch ihre Seltenheit und Wirkungslosigkeit. Der ADI, erhoben unter Bedingungen ökologischer Validität, ist die einzige Methode, die dieses natürliche soziale Referenzsystem präzise genug abbildet, um daraus biologisch und ethologisch fundierte Handlungsempfehlungen für den Menschen abzuleiten.

Eine Gruppe der Herde (ca. 350 Pferde)  in den Abruzzen
Beobachtungszeit zur Erstellung des ADI mindestens 15 Stunden mit Interaktionen

Datenaufnahme

Aufgabe:
Suchen der richtigen Gruppen im weitläufigen, bergigen Gelände

Die wissenschaftliche Grundlage der Mensch-Pferd-Beziehung: Methodik, Haltung und die Validität des ADI

Die Debatte um Rangordnungen zwischen Pferd und Mensch ist oft von Missverständnissen geprägt, die aus einer unterschiedlichen Gewichtung von Forschungsmethoden resultieren. Um fundierte Handlungsempfehlungen zu erhalten, ist eine Einordnung der methodischen und ökologischen Rahmenbedingungen zwingend erforderlich.

 

 

. Methodischer Vergleich: Warum das Instrument das Ergebnis prägt

Ein zentraler Streitpunkt ist die Frage, ob Rangordnungen linear (A dominiert B, B dominiert C, also dominiert A auch C) oder nichtlinear sind.

  • Die konventionelle Methodik (Zeitler-Feicht / de Vries h′): In vielen Arbeiten, die eine strikte Hierarchie infrage stellen, wird die Rangfolge statistisch mit dem de Vries h′-Index ausgewertet. Diese Methode neigt dazu, Nicht-Linearität auszuweisen, wenn Interaktionen fehlen oder durch äußere Umstände (Haltung) verzerrt sind. Dies führt oft zu der (vage interpretierbaren) Empfehlung, dass eine stabile Hierarchie zwischen Mensch und Pferd zweitrangig sei.
  • Die moderne Matrix-Statistik (Hemelrijk / ADI): Charlotte Hemelrijk entwickelte den Average Dominance Index (ADI). Dieser ist methodisch strenger und korrigiert die Schwächen älterer Indizes. Er kann „Unknown Relationships“ (Tiere, die nicht direkt interagieren) mathematisch präzise gewichten. Unter Anwendung des ADI ergibt sich nahezu immer eine eindeutige, über Jahre stabile lineare Hierarchie.

2. Die wissenschaftliche Ahnenreihe: Evolutionäre Basis vs. Angewandte Ethologie

In der Argumentation müssen wir zwischen beschreibender Beobachtung und systematischer Feldforschung unterscheiden:

  1. Hans Klingel (Referenz für Equiden-Soziologie):
    • Er lieferte mit der Definition des Typ-1-Sozialsystems (Harem/Bands) die ökologische Basis. Seine Peer-Reviewed-Daten aus Wildpopulationen belegen, dass die Stabilität von Pferdegruppen auf langfristigen Bindungen und klarer Struktur beruht. Forscher wie Schäfer popularisierten dies, aber Klingel lieferte das wissenschaftliche Fundament.
    • Klingel zeigt: Langfristige Stabilität beruht auf dauerhaften sozialen Bindungen, nicht auf permanenter Aggression. Ein wichtiger Punkt für die Interaktion zwischen Mensch und Pferd bei der Ausbildung
    • Seine peer-reviewten Feldstudien bilden bis heute die Grundlage nahezu aller modernen Arbeiten zu freilebenden Pferden.
  2.  Charlotte Hemelrijk (Pionierin der Quantitativen Statistik)
    • Während Zeitler-Feicht Statistik eher als Werkzeug für Haltungsempfehlungen nutzt, nutzt Hemelrijk sie, um die Mechanismen sozialer Komplexität (z. B. Winner-Loser-Effekte) zu entschlüsseln. Ihre Arbeiten sind abstrakter und methodisch valider für die Grundlagenforschung.
    • Robuste Abbildung von Rangverhältnissen auch bei unvollständigen Interaktionsnetzwerken
    • Reduktion statistischer Artefakte bei „Unknown Relationships“

 

Schnelle Wetterwechsel erschweren die Forschungsarbeiten

Schriftführerin und Beobachter arbeiten zusammen.

Beobachtungen aus Reitställen

  1. Auswirkungen, wenn das Pferd die Rangposition des Menschen infrage stellt

    Dies geschieht typischerweise dann, wenn das Pferd den Menschen nicht als verlässliche, konsequente Entscheidungsinstanz wahrnimmt.

    • Verhaltensbezogene Auswirkungen
      • Raumüberschreitungen: Das Pferd drängt, schneidet Wege ab, rempelt oder bleibt beim Führen stehen.
      • Verzögerte oder selektive Reaktionen: Signale werden nur situativ befolgt, insbesondere bei höherem Aufwand.
      • Eigenständige Entscheidungen: Das Pferd bestimmt Tempo, Richtung oder Abbruch von Aufgaben selbst.
      • Konfliktverhalten: Zunahme von Drohgebärden, Vermeidung oder Widerstand.
    • Emotionale und kognitive Ebene
      • Das Pferd übernimmt Verantwortung, die es ethologisch nicht aktiv sucht.
      • Dies führt häufig zu Unsicherheit, erhöhter Wachsamkeit oder Stress.
      • Sensible Pferde zeigen vermehrt Spannungsverhalten, selbstsichere eher Dominanzverhalten.
    • Sicherheitsrelevante Folgen
      • Erhöhtes Unfallrisiko durch mangelnde Respektierung menschlicher Grenzen.
      • Fehlende Führungsstruktur in kritischen Situationen wie Erschrecken oder starken Umweltreizen.
  2. Auswirkungen, wenn der Mensch die eigene Rangposition als unwichtig betrachtet

    Wird Rangordnung bewusst oder unbewusst negiert, entstehen funktionale Defizite.

    • Inkonsistente Kommunikation
      • Uneindeutige, zeitlich unpräzise oder widersprüchliche Signale.
      • Regeln gelten nur situationsabhängig oder werden nicht durchgesetzt.
      • Unzuverlässige Lernbarkeit von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen.
    • Lern- und Trainingsfolgen
      • Verlangsamte oder stagnierende Lernprozesse.
      • Verstärktes Ausprobieren eigener Lösungsstrategien durch das Pferd.
      • Korrekturen wirken willkürlich mangels stabilem Rahmen.
    • Beziehungsebene
      • Unstrukturierte Interaktion ohne funktionale Partnerschaft.
      • Vertrauen bleibt situationsabhängig.
      • Stärkere Orientierung des Pferdes an Umweltreizen als am Menschen.
  3. Gegenseitige Verstärkung beider Faktoren
    • Kombination aus rangübernehmendem Pferd und unklar führendem Menschen.
    • Instabile Interaktionsdynamik.
    • Häufige Missverständnisse.
    • Eskalationen, die fälschlich als Charakterproblem des Pferdes interpretiert werden.
  4. Fachliche Einordnung
    • Rangordnung ist situativ, kommunikativ und funktionsbezogen.
    • Keine autoritäre, emotionale oder moralische Kategorie.
    • Klare, ruhige und konsistente Übernahme von Entscheidungs- und Raumverantwortung:
      • reduziert Stress beim Pferd,
      • erhöht Vorhersagbarkeit,
      • verbessert Lernfähigkeit und Sicherheit.
    • Rangposition ist Ausdruck von Verantwortungsübernahme im Interaktionssystem Mensch–Pferd, nicht von Dominanz.

Erklärung:

Die Begriffe „situativ, nicht absolut“ und „kommunikativ, nicht autoritär“ werden in der Praxis häufig missverstanden und fälschlich als Nachlässigkeit („lazy“) oder als Beliebigkeit („fair im Sinne von alles ist erlaubt“) interpretiert. Eine präzisere fachliche Einordnung ist daher erforderlich.

1. „Situativ, nicht absolut“ – fachlich präzisiert

Situativ bedeutet nicht wechselhaft oder inkonsequent, sondern kontextabhängig funktional.

Was damit gemeint ist

  • Rangposition wird nicht als dauerhafte Machtdemonstration verstanden.
  • Sie wird dort aktiv, wo Entscheidungen notwendig sind:
    • Raumaufteilung
    • Bewegungsrichtung und -tempo
    • Beginn, Ende oder Wechsel einer Handlung
  • Außerhalb dieser Entscheidungssituationen besteht kein permanenter Führungsanspruch.

Was es ausdrücklich nicht bedeutet

  • Kein ständiges Neu-Aushandeln von Regeln.
  • Kein situatives Durchgehenlassen von Grenzüberschreitungen.
  • Keine Abhängigkeit von Stimmung oder Tagesform des Menschen.

Warum dies fälschlich als „lazy“ gelesen wird

  • Der Mensch greift nur ein, wenn es funktional erforderlich ist.
  • Es fehlt sichtbare Dauer-Kontrolle.
  • Für Außenstehende wirkt dies passiv, obwohl es strukturell klar ist.

Fachlich korrekt ist:
Situative Rangordnung reduziert unnötige Konflikte, ohne Verbindlichkeit aufzugeben.

2. „Kommunikativ, nicht autoritär“ – fachlich präzisiert

Kommunikativ bedeutet nicht „verhandeln“, sondern klar signalisieren und Rückmeldung zulassen.

Was damit gemeint ist

  • Signale sind:
    • eindeutig
    • zeitlich präzise
    • reproduzierbar
  • Das Pferd erhält die Möglichkeit, angemessen zu reagieren, ohne Druckeskalation.
  • Korrekturen erfolgen sachlich, nicht emotional.

Was es ausdrücklich nicht bedeutet

  • Kein Bitten oder Überreden.
  • Kein Ignorieren von Nicht-Reaktionen.
  • Kein Verzicht auf Durchsetzung.

Abgrenzung zur Autorität

  • Autoritär: Durchsetzung unabhängig von Situation, Signalqualität oder Verständnis des Pferdes.
  • Kommunikativ: Durchsetzung auf Basis klarer Signale und nachvollziehbarer Konsequenzen.

Warum dies als „fair = zu weich“ interpretiert wird

  • Es fehlen sichtbare Strafreize.
  • Eskalationen werden bewusst vermieden.
  • Konsequenz zeigt sich in Struktur, nicht in Lautstärke oder Härte.

Fachlich korrekt ist:
Kommunikation ersetzt Zwang nicht durch Nachgiebigkeit, sondern durch Verständlichkeit.

3. Warum „situativ + kommunikativ“ nicht gleich „lazy fair“ ist

Die Kombination aus situativer Rangordnung und kommunikativer Durchsetzung führt zu:

  • hoher Vorhersagbarkeit für das Pferd
  • klaren Entscheidungszuständigkeiten
  • niedriger Konfliktfrequenz
  • stabiler Sicherheitsbasis

„Lazy fair“ wäre:

  • Regeln nicht durchsetzen,
  • Signale folgenlos lassen,
  • Verantwortung an das Pferd abgeben.

Die beschriebene Herangehensweise bedeutet hingegen:

  • klare Verantwortung,
  • aktive Struktur,
  • ruhige, konsistente Führung.

4. Zusammenfassende Einordnung

Rangordnung in der Pferde-Mensch-Interaktion ist dann fachlich korrekt, wenn sie:

  • nicht permanent demonstriert, aber jederzeit abrufbar ist,
  • nicht hart, aber konsequent ist,
  • nicht autoritär, aber verbindlich bleibt.

Sie wirkt für Außenstehende ruhig und unspektakulär – ist aber weder nachlässig noch beliebig, sondern hoch strukturiert und funktional wirksam.